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Briefe liest jeder gern

Werder, den 13. 11. 2013

(BH) Eine schöne Vorlese-Tradition bewahrt Frau Pfarrerin i.R. Annemarie Rettig in ihrem langjährigen Literaturkreis in Werder. In regelmäßigen Abständen treffen sich bei ihr an Literatur interessierte Bürger der Gemeinde, um von geistiger Kost verwöhnt zu werden. Frau Heide von Bockelberg sorgt für weitere Annehmlichkeiten und jeder ist gespannt, welches Buch vorgestellt wird. Wohl überlegt sind die Titel einem Thema zugeordnet und dringen in die Vorstellungswelt der Zuhörer ein, die die Ereignisse vor dem geistigen Auge sehen, wenn der Inhalt von Frau Rettig mit angenehm warmer Stimme vorgelesen wird.

Diesmal war es „Adressat Unbekannt“ von Kressmann Taylor, Verlag Hoffmann &Campe.

In diesem Briefroman wechseln die Briefe zwischen Europa und den USA. Geschrieben sind sie von zwei Freunden, erfolgreichen Geschäftsleuten, die mit heutigem Ausdruck, als eingespieltes Team bezeichnet werden können. Ihre Kunst-Galerie ist die Basis für ihren Reichtum, den sie sich fleißig erarbeitet haben und ihre gegenseitige Ehrlichkeit in geschäftlichen wie auch privaten Dingen erschließt dem Leser ein interessantes Bild des Lebens in den Anfangsjahren der „Dreißiger“ des 20. Jahrhunderts. Die geschilderten Alltäglichkeiten, auch geheimen Gedanken, zeigen eine tiefe Verbundenheit der Freunde, die man erst im Verlauf der Handlung als Deutscher in München und Jude in San Francisco wahrnimmt. Damaliges Vokabular, Hinweise auf vermeintliche Zwänge und freudige Erkenntnis über eine neue Zeit charakterisieren den Münchner als Geschäftsmann, der sich mit der politischen Entwicklung nicht nur anfreundet. Sein Partner in California erfährt aus der Presse schreckliche Dinge, die in Deutschland passieren und macht sich Sorgen um seine Schwester, die, so hofft er, bei seinem Freund Hilfe erhält. Zwei Briefe kommen in San Francisco im Laufe der Geschichte an, die den Stempel “Adressat unbekannt tragen“. Die Gründe sind im Roman zum Teil sehr deutlich aufgezeigt und hinterlassen große Betroffenheit, denn die handelnden Personen sind dem Leser zu Bekannten geworden, an deren Schicksal er regen Anteil nimmt.

Im anschließenden Gespräch wurde die schriftstellerische Kunst bestaunt, die es schaffte, im Jahr 1938 solch ein Bild der geschichtlichen Ereignisse darzustellen. Auch in unserer Zeit ist Wachsamkeit vor menschenverachtenden Tendenzen überaus wichtig.

Frau Rettig erhielt dieses Buch zu ihrem 80. Geburtstag, las es sofort, stellte fest, dass es genau zu den Ereignissen im November passt und gestaltete einen sehr interessanten Leseabend.

 

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