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Der Maulbeerbaum – ein Zeuge der Zeit
[FS] Still und würdevoll stand er am Rand des Rehfelder Kirchhofs der letzte Maulbeerbaum. Seine knorrigen Äste reckten sich dem Himmel entgegen und wer genau hinsah erkannte, er war nicht nur ein alter Baum, er war Geschichte und erzählt Geschichte.
Der Rehfelder Kirchhof, heute ein Ort der Ruhe, war nicht immer nur den Toten geweiht. Schon im 18. Jahrhundert war das Gelände ein Ort vielfältiger Nutzung. Einst wurde es von einer schlichten Drahtumzäunung eingefasst, später kamen hölzerne Zäune und schließlich massive Mauern hinzu. Ein sichtbares Zeichen für den Wandel der Zeit.
Zwischen 1770 und 1790 erlebte der Kirchhof eine besondere Blütezeit im wahrsten Sinne des Wortes. Damals wuchsen hier Maulbeerbäume, gepflanzt für die Zucht für Seidenraupen. Der ortsansässige Schmiedemeister hatte die Flächen gepachtet und betrieb hier eine kleine Seidenproduktion. Man sagt die weißen Kokons der Raupen hätten wie Perlen in den Ästen gehangen. Es war eine kurze, aber lebendig Episode. Der Maulbeerbaum wurde zum stillen Beobachter.
Nach dem Ende der Seidenraupenzucht veränderte sich die Nutzung des Kirchhofs erneut. Der Pfarrer selbst durfte das Gelände als Weide für seine Kühe und Schafe nutzen. Eine Praxis die sich über viele Jahrzehnte hinweg hielt. Die Tiere grasten zwischen den Gräbern und so mancher Besucher mag sich über das friedliche Miteinander von Tod und leben gewundert haben. Doch nicht immer verlief alles harmonisch: Es kam vor, dass Kühe Grabhügel zerstörten oder Schafe durch die Kirchtür schlüpften und ihre Spuren auf dem Steinboden hinterließen.
Schließlich untersagte man diese Nutzung – der Kirchhof sollte wieder ein Ort der Würde werden. In jener Zeit vermutlich um 1800 wurden auch Obstbäume entlang der Kirchhofsmauer gepflanzt. Im Frühling tauchten Sie das Areal in ein weiß rosa Blütenmeer, im Herbst bogen sich ihre Äste unter dem Gewicht von Äpfeln und Pflaumen. Der Kirchhof wurde nicht nur zum Ort des Gedenkens, sondern auch der Ernte – ein lebendiges Stück Dorfgeschichte. Heute steht nur noch der Stumpf eines alten Maulbeerbaumes. Seine Blätter hören wir nicht mehr. Sie können uns nichts mehr Neues berichten. Wir können unter ihm nicht mehr verweilen.
Der Maulbeerbaum, er ist Geschichte und er erzählt Geschichte.



















